Ärzte ohne Grenzen veröffentlicht Liste der schwersten humanitären Krisen 2009: Verhinderte Hilfe und vernachlässigte Krankheiten
New York/Berlin, 21. Dezember 2009. Angriffe auf die Bevölkerung und verhinderter Zugang zu Hilfsleistungen in Pakistan, Somalia, Jemen, Sri Lanka, Afghanistan, Südsudan und der Demokratischen Republik Kongo (D.R. Kongo) sind nur einige der schlimmsten Krisen im Jahr 2009. Dazu kommen die stagnierende Finanzierung der HIV/Aids-Behandlung und die anhaltende Vernachlässigung anderer Krankheiten.
Das Jahr 2009 war laut Ärzte ohne Grenzen von drei eindeutigen Mustern bestimmt: Verweigerung lebensrettender Hilfe für die Bevölkerung in Ländern wie Sri Lanka, Pakistan und dem Sudan; schwindender Respekt für die Sicherheit der Bevölkerung und die neutrale humanitäre Arbeit in Ländern wie Afghanistan, Jemen, Somalia und der D.R. Kongo, in denen Menschen – auch Helfer – gezielt angegriffen wurden; Vernachlässigung der Menschen, die unter unbeachteten Krankheiten leiden und erschwerter Zugang für HIV/Aids-Patienten zu lebensverlängernder Behandlung.
“Es steht außer Frage, dass immer mehr Menschen Opfer von Konflikten werden und gleichzeitig lebensrettende Hilfe erschwert wird, oft absichtlich”, sagte Christophe Fournier, internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen. “In Ländern wie Sri Lanka und Jemen wurde Hilfsorganisationen der Zugang zu den Bedürftigen verweigert, oder sie mussten das Land verlassen, da sie in die Schusslinie geraten sind. Unsere Teams vor Ort sind Zeugen der menschlichen Folgen dieser Krisen. Wir sind daher gezwungen und verpflichtet, darüber zu sprechen”, ergänzte Fournier
Zehntausende Menschen waren in der Region Vanni in Sri Lanka ohne Hilfe gefangen, als die sri-lankische Armee im Frühjahr gegen die tamilischen Rebellen gekämpft hat. Hilfsorganisationen, einschließlich Ärzte ohne Grenzen, durften die Konfliktzone nicht betreten. In Somalia flohen mehr als 200.000 Menschen in den ersten Monaten dieses Jahres vor dem brutalen Krieg aus der Hauptstadt Mogadischu, und immer mehr Mitarbeiter von Hilfsorganisationen wurden angegriffen.
Die Bevölkerung und Krankenhäuser in der Region Saada im Norden des Jemen waren von schweren Kämpfen betroffen, während die Armee gegen die Al-Houthi-Rebellen kämpfte. Zehntausende Menschen flohen und Ärzte ohne Grenzen musste das einzige funktionierende Krankenhaus in der Region verlassen. Ein eklatanter Fall, in dem humanitäre Hilfe für militärische Zwecke missbraucht wurde, waren zudem die Angriffe der kongolesischen Armee auf die Bevölkerung, die sich im Oktober in der Region Nordkivu im Kongo im Rahmen einer Impfkampagne versammelt hatte.
Der Erfolg der vergangenen Jahre, dass HIV/Aids-Patienten besseren Zugang zu einer Behandlung bekommen hatten, wurde im Jahr 2009 bedroht, da Kürzungen in der internationalen Finanzierung angekündigt wurden. Mangelernährung bei Kindern wurde ebenso missachtet. Diese führte zum vermeidbaren Tod von etwa fünf Millionen Kindern unter fünf Jahren.
Die Liste basiert auf Erfahrungen in mehr als 60 Ländern, in denen Ärzte ohne Grenzen Zeuge schlimmer humanitärer Bedingungen ist, und wird seit zwölf Jahren zum Jahreswechsel veröffentlicht. Die Organisation weist damit auf die humanitären Krisen hin, die medial zu wenig Beachtung finden. … Sri Lanka: Tausende Verletzte am Ende eines jahrzehntelangen Krieges Anfang des Jahres wüteten im Nordosten Sri Lankas heftige Kämpfe zwischen dem sri-lankischen Militär und den tamilischen Rebellen (LTTE). Zehntausende Menschen waren monatelang ohne Hilfe und mit nur begrenzter medizinischer Versorgung in der Kriegszone gefangen. Humanitäre Hilfsorganisationen, darunter Ärzte ohne Grenzen, mussten wenige Monate vor Ende des jahrzehntelangen Bürgerkrieges auf Ersuchen der Regierung die von den Kämpfen am stärksten betroffenen Gebiete verlassen. Nur das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) konnte weiterhin eine medizinische Grundversorgung bereitstellen und einige Verwundete in die Krankenhäuser des Gesundheitsministeriums überweisen. Ein chirurgisches Team von Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit Februar 2009 in einem der Krankenhäuser in der Nähe der Stadt Vavuniya. Im April konnten Tausende Menschen aus dem Kriegsgebiet fliehen. Am 21. April wurden innerhalb von nur 36 Stunden mehr als 400 Patienten mit lebensgefährlichen Verletzungen im Krankenhaus in Vavuniya versorgt. Insgesamt wurden von Februar bis Ende Juni in dem Krankenhaus nahezu 4.000 Kriegsverletzte operiert. Die anderen Krankenhäuser in dieser Region mussten mindestens die doppelte oder dreifache Anzahl Patienten aufnehmen als Betten zur Verfügung standen. Ärzte ohne Grenzen hat im Mai, kurz nach Ende der letzten Angriffe durch die Armee, gegenüber dem Lager Manik Farm ein Krankenhaus für Notfälle eröffnet. Mitarbeiter haben darüber hinaus die operative und postoperative Versorgung im Distriktkrankenhaus in Vavuniya sowie in dem Ort Pampaimadhu unterstützt. Etwa 280.000 Vertriebene lebten in den staatlich überwachten Lagern, von denen Manik Farm das größte Lager ist. Das Gesundheitsministerium hatte dafür gesorgt, dass sich die medizinische Versorgung in den Lagern langsam verbessert hat. Patienten, die stationär behandelt werden mussten, wurden in die Krankenhäuser außerhalb der Lager überwiesen, auch in die Einrichtung von Ärzte ohne Grenzen. Ab August wurden die Menschen schrittweise aus den Lagern entlassen. Es leben aber noch immer viele Vertriebene bei Gastfamilien in Vavuniya und Zehntausende halten sich in Übergangslagern auf, die seit dem 1. Dezember eingerichtet wurden. Ärzte ohne Grenzen arbeitet mit den Gesundheitsbehörden zusammen und leistet in Vavuniya und in den Umsiedlungsgebieten physische Rehabilitation, zu der auch rekonstruktive Chirurgie gehört, sowie psychologische Betreuung. Die Familien kehren in die Region Vanni zurück. Ärzte ohne Grenzen hat aufgrund früherer Projekte in dieser Region Erfahrung gesammelt und ist bereit, das Gesundheitssystem während des Wiederaufbaus zu unterstützen. |