Leinfelden – Auf der rustikalen Eckbank hat sie immer gesessen. Hinter sich das Ölbild einer Dorfkirche in Siebenbürgen, der große Keramikwandteller mit dem Satz “Unser täglich Brot gib uns heute”, das schmale Holzkreuz. Ihre Schulhefte auf der handgewebten Tischdecke. Kurt Sturm saß dann neben Jeevitha Mahendran und half ihr bei den Hausaufgaben. Danach lasen sie sich gegenseitig vor: In der siebten Klasse aus der “Kinderkarawane”, später aus Romanen von Grisham oder Poulsen. Heinrich Spoerls “Feuerzangenbowle” haben sie von vorne bis hinten durchgeackert. Sie fand die Geschichte sehr lustig. Er erklärte ihr Wörter, die sie noch nicht kannte, schlüsselte schwer verständliche Sätze auf. Er besorgte ihr ein Lexikon und zeigte ihr, wie man damit arbeitet.
Vor zehn Jahren, mit 56, ging der SEL-Ingenieur Kurt Sturm in vorzeitigen Ruhestand und engagierte sich daraufhin ehrenamtlich beim Arbeitskreis Asyl in Leinfelden. Damals suchte man jemanden, der sich um Kinder aus Sri Lanka kümmert. So kam er aus Zufall an Jungen und Mädchen mit Namen wie Thanuja, Sivaniruban, Archana. Gut ein Dutzend junge Tamilen hat Sturm seitdem durch die Schule gebracht. Sie arbeiten heute als Apothekenhelferinnen, chemisch-technische Assistenten, Lackierer oder studieren. Bei manchen sind Berufe wie Altenpfleger oder Schneiderin tabu, weil sie nicht zur eigenen Kaste passen. Manche haben geheiratet und kommen sonntags mit ihren Familien zum Tee. Jeevitha Mahendran war vier Jahre bei ihm, bis zur mittleren Reife. “Sie schaffte ihren Abschluss mit einem Schnitt von 2,5″, sagt Sturm. Er half ihr noch über ein schwieriges Jahr. Dann war sie weg.
“Wo sie herkommt, reden die Menschen nur wenig über Gefühle”
An schwülen Sommertagen muss Sturm besonders oft an das Mädchen denken. Er kann noch nicht abschließen. Es war auch drückend heiß, er saß auf seinem Balkon in dem Musberger Mehrfamilienhaus, als er erfuhr, dass sie tot ist. Gestorben durch eine Bombe an einem ganz normalen Bürgerkriegstag in der Gegend von Kilinochchi, einer Stadt ganz oben auf der Landkarte von Sri Lanka. Eine Meldung in den Nachrichten war ihr Tod nicht wert. Im Norden nichts Neues.
Dass er sie wirklich gekannt hat, würde er nicht behaupten. “Wo sie herkommt, reden die Menschen nur wenig über sich und ihre Gefühle”, sagt Sturm. Es sind nur bruchstückartige Erinnerungen, die einem Jeevitha Mahendran, das Mädchen mit den taillenlangen, tiefschwarzen Haaren, den Samtaugen, dem dunklen Flaum über der Oberlippe, etwas näher bringen können.
1998, mit zwölf Jahren, landet Jeevitha Mahendran mit ihrem Vater auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in Deutschland. Die Mutter und die drei jüngeren Geschwister bleiben zurück. Die beiden Emigranten kommen ins Asylbewerberheim nach Leinfelden, später in die Asylunterkunft Oberaichen, wo sie bis zum Schluss wohnen.
Discos, Konzerthallen, Kinos sieht sie nie von innen
Nach der Schule führt Jeevitha den Haushalt. Ihr Vater ist ein strenger Mann, der auch mal zuschlägt. Discos, Konzerthallen, Kinos sieht sie nie von innen. Noch als Volljährige muss sie abends zu Hause sein. Im Sommer um sieben, im Winter, wenn es dunkel wird. Wenn sie weggeht, besucht sie ihre Freundin. Sie sehen sich DVDs mit Bollywoodfilmen an. Beide haben eine Schwäche für den Schauspieler Sharukh Khan. Sie hören Musik vom indischen Sänger Unni Krishnan, ein Knuddeltyp, den Millionen Mädchen in seinem Kulturkreis anhimmeln. Mit 19 betreten sie zum ersten Mal ein Internetcafé. Sie wollen auch mal chatten.
Unter Aufsicht von Kurt Sturm und seiner Frau darf Jeevitha mit Freundinnen Ausflüge machen. Im Ford Kombi startet die Reisegruppe zu den Uracher Wasserfällen. Zu Hause bei Sturms werden Greta-Garbo-Schnitten und Harlekinkuchen gebacken. Sabine Sturm stellt einen kleinen Stickkreis auf die Beine – “mit Goldfäden kriegst du sie, das gefällt allen tamilischen Mädchen”, sagt die 62-Jährige.
Sie kann Jeevithas Vater überreden, seiner Tochter Hobbys zu erlauben. Jeevitha und ihre Freundinnen werden Keglerinnen. Kurt Sturm schaut sich nach weiteren Freizeitmöglichkeiten für seine Schützlinge um. Jeevitha beginnt Step-Aerobic beim TSV Leinfelden. Ins Schullandheim darf sie nur, weil Sabine Sturm mitgeht. Eine ausgelassene Zeit: “Jeevitha konnte lachen, dass ihr die Tränen kamen.”
Mitte 2004 steht erstmals die Abschiebung im Raum
Nach der mittleren Reife bewirbt sich das Mädchen als Arzthelferin, Einzelhandelskauffrau, Erzieherin, aber sie bekommt nur Absagen. Sie macht ein Praktikum bei Marktkauf, eine Lehrstelle springt nicht heraus. Kurt Sturm versucht, das Jahr nicht sinnlos verstreichen zu lassen, vermittelt ihr Word- und Excel-Kurse an der örtlichen Volkshochschule.
Mitte 2004 steht nach Jahren stiller Duldung erstmals die Abschiebung im Raum. Das Regierungspräsidium sieht keinen Hinderungsgrund mehr für die beiden, in ihr Land zurückzukehren. Jeevithas Vater, der am Grill von McDonald’s sein Geld verdient, geht zu einem Anwalt. Eineinhalb Jahre zieht sich das Verfahren hin. Er hat keine Chance, die Altfallregelung gibt es damals noch nicht, außerdem ist er gewalttätig gegen einen Landsmann geworden. Jeevitha muss auch gehen. “Wenn sie alles versucht hätte, wäre ihre Abschiebung vielleicht noch zu verhindern gewesen”, sagt Kurt Sturm. “Wir haben sogar darüber nachgedacht, Jeevitha zu adoptieren.”
Aber sie zögert. Da ist die selbst auferlegte Verpflichtung, ihre Familie nicht im Stich zu lassen. Da ist aber auch der Zwang des Vaters, der will, dass sie mitgeht, und der seinem Wunsch mit aller Kraft Nachdruck verleiht.
Am 10. Januar 2006, 6.30 Uhr, steht die Polizei vor der Tür. Begleitet von einer Beamtin in Uniform verabschiedet sich Jeevitha an diesem Morgen noch von ihrer Freundin, bringt ein paar ausgeliehene Kleider zurück. Wenige Stunden später müssen Jeevitha und ihr Vater auf dem Frankfurter Flughafen in das Flugzeug nach Sri Lanka steigen. “Am Abend zuvor hatte sie mir noch gesagt, sie muss mir was erzählen”, sagt die Freundin, “sie wusste wohl, dass sie kommen, aber nicht wann.”
Die Abgeschobene schreibt ihr noch zwei Briefe aus der Heimat: Sie freue sich, dass sie wieder bei der Mutter sei, es gehe ihr gut. Jeevitha kümmert sich jetzt um die Familie, ihre Mutter ist halbseitig gelähmt. 2007 beklagt die Kindernothilfe die Situation in Sri Lanka: “Nachts verschwinden Kinder. Milizen beider Kriegsparteien rekrutieren Mädchen und Jungen als Kämpfer. Familien werden gezwungen, eines ihre Kinder abzugeben, sonst kommen die Entführer und nehmen zwei Söhne oder Töchter mit.”
Von einer Flugzeugbombe schwer verletzt
Auch Jeevitha wird zu dieser Zeit von den tamilischen Rebellen zwangsrekrutiert. Sie muss jetzt für die Liberation Tigers of Tamil Eelam kämpfen. Im Januar vergangenen Jahres startet die Regierung von Sri Lanka eine Großoffensive gegen die Rebellen. Nach der Vertreibung der Befreiungs-Tiger aus dem Osten des Landes sind enorme Summen für den Krieg im Norden eingeplant. Militärchef Sarath Fonseka kündigt in einem BBC-Interview an: “Unser Ziel ist, täglich mindestens zehn Terroristen zu töten.” Die Befürchtung, 2008 könnte eines der blutigsten Jahre in Sri Lanka werden, bewahrheitet sich.
Ende Juli 2008 wird die unfreiwillige Rebellin Jeevitha Mahendran von einer Flugzeugbombe schwer verletzt. Ihr muss ein Bein amputiert werden. Im Krankenhaus wird sie, so berichten es Nahestehende, nur notdürftig medizinisch versorgt. Zwei Wochen darauf, am 10. August, stirbt sie an einer Blutvergiftung. Es ist ihr Geburtstag. Sie wäre 22 geworden. Der Vater soll Gift genommen haben, weil er sich die Schuld für ihren Tod gab. Er überlebte.
Seit Mai diesen Jahres gilt der Bürgerkrieg in Sri Lanka offiziell als beendet. Vorbei ist er nicht. Auch nicht auf der Filderebene. Aus Angst vor Repressalien gegen Familienmitglieder in der Heimat trifft man noch Tausende Kilometer von Sri Lanka entfernt auf Schweigen. Jeevithas Freundinnen und Verwandte wollen nicht genannt oder fotografiert werden.
Nach UN-Schätzungen kamen in den jahrzehntelangen Kämpfen in Sri Lanka 100.000 Menschen ums Leben. Eines der Opfer heißt Jeevitha Mahendran.
Quelle |